08.04.2011

2D war gestern

In seinem Film "Alice im Wunderland" ist Regisseur Tim Burton im 3D-Rausch. In dem Film-Märchen wurden reale Szenen in 2D aufgenommen und dann in 3D umgewandelt. Das war ein zeitaufwändiges Unterfangen. Forscher am Heidelberg Collaboratory for Image Processing entwickeln Programme, mit denen die Umwandlung in Zukunft viel schneller geht.

Foto: OutNow

Von Kirsten Kieninger

Auf den ersten Blick sind sie sich sehr ähnlich, die Wissenschaftler und die Kreativen. Sie sitzen nämlich alle vor den Monitoren leistungsstarker Rechner. An verschiedenen Orten zwar, doch sie verfolgen dasselbe Ziel: Sie wollen bessere Filme in 3D ermöglichen. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: Sie entwickeln Systeme und Methoden zur effektiven Erstellung und Bearbeitung stereoskopischer Inhalte. Am 1. März fiel der Startschuss für das vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium mit 410 000 Euro geförderte Verbundforschungsprojekt zwischen der Universität Heidelberg und der Filmakademie Baden-Württemberg.

Einer der Wissenschaftler hat mit seiner Filmbegeisterung das Projekt angestoßen: Dr. Daniel Kondermann, Informatiker am HCI, dem Heidelberg Collaboratory for Image Processing (siehe Hintergrund). Er beschäftigt sich damit, wie man Computer-Vision-Algorithmen, also Bildverarbeitungsmethoden, überprüfen und verbessern kann. Auf der Suche nach Anwendungsgebieten in der Praxis habe er "einfach mal ins Blaue hinein" die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg kontaktiert, berichtet Kondermann. Nach anfänglicher Skepsis am Institut, "was wir mit Künstlern überhaupt wollen", wie er schmunzelnd erzählt, habe sich jedoch schnell gezeigt, dass eine Zusammenarbeit für beide Seiten sinnvoll sei.

Am HCI beschäftigen sich Forscher schon länger mit stereoskopischen Bildern und ihrer Verarbeitung. Stereoskopie ist die Wiedergabe von Bildern mit einem räumlichen Eindruck von Tiefe, der physikalisch nicht vorhanden ist. An der Filmakademie hat man praktische Erfahrung mit 3D in der Filmproduktion und daher ein großes Interesse an Methoden, die besonders arbeitsintensive Schritte in der digitalen Nachbearbeitung von Filmen vereinfachen. So hat Volker Helzle vom Institut für Animation, Visual Effects und Digitale Postproduktion, gerne die Federführung des auf drei Jahre angelegten Verbundprojekts übernommen und fünf Firmen aus der Filmindustrie mit ins Boot geholt.

Denn der Bedarf an verbesserten Verfahren zur Erzeugung eines überzeugenden Tiefeneindrucks ist groß. Schließlich wagen sich mit Wim Wenders (in "Pina") und Werner Herzog (in "Cave of Forgotten Dreams") jetzt sogar altgediente Autorenfilmer in die dritte Dimension vor und machen diese damit auch inhaltlich salonfähig. Technisch gesehen jedoch muss noch sehr gefeilt werden: Um 3D-Kinoproduktionen für das Heimkino-Erlebnis am 3D-tauglichen TV-Gerät kompatibel zu machen, muss der räumliche Eindruck nachträglich aufwändig korrigiert werden, denn die Tiefenverhältnisse, die auf der großen Leinwand überzeugen, wirken im kleinen Format verzerrt. Hier knüpft eine der drei Doktorarbeiten an, die im Zuge des von Dr. Kondermann koordinierten Projektes am HCI entstehen.

Ein weiter Schwerpunkt ist die Weiterentwicklung und Automatisierung von Techniken, durch die sich aus konventionell aufgenommenen Filmbildern 3D-Bilder herausrechnen lassen. An einer solchen nachträglichen Konversion ihrer Blockbuster "Titanic" und "Krieg der Sterne" arbeiten z.B. aktuell James Cameron und George Lucas; beide bestätigten gerade auf der CinemaCon in Las Vegas, wie zeitaufwändig und schwierig eine solche Bearbeitung sei. Diese Erfahrung hat auch Regisseur Tim Burton bei der Produktion von "Alice im Wunderland" machen müssen: Sehr viel Handarbeit von Hilfskräften an Computern war nötig, um die in 2D aufgenommenen Realfilm-Szenen in 3D umzuwandeln. In Heidelberg wird kräftig gerechnet, um hier Abhilfe zu schaffen. Denn die am HCI von den Wissenschaftlern entwickelten Algorithmen bilden die Grundlage für Programme, die von den Kreativen an der Filmakademie in den Arbeitsprozess der filmischen Postproduktion eingepasst werden, um dann vielleicht auch den Regisseuren in Hollywood ihre Arbeit zu erleichtern.

(Die Rhein-Neckar-Zeitung im Web)

Dateien:
2D_war_gestern.pdf134 K